Mit weiteren fünf Hühnern zog auch ein hochgewachsenes, schlankes Huhn am 17. Mai 2019 auf Sorello ein. Sie war eher schüchtern, ein weisses Huhn. Nicht die ranghöchste. Sie genoss die neue Freiheit. Die Grösse des Stalls. Die Weite des Auslaufs. Es gab ein Sandbad im Stall und viele weitere im Auslauf. Schön geschützt unter Sträuchern und Bäumen. Sie war endlich nicht mehr eingepfercht mit vielen anderen Hühnern. Sie fand immer eine Ausweichmöglichkeit, wenn ein ranghöheres Huhn kam. Zum Schlafen gab es reichlich Platz, es war herrlich. Sie fühlte sich richtig frei und glücklich. Genoss jeden neuen Morgen. Freute sich auf das feine Futter, welches immer bereitstand. Es gab sogar Sonnenblumenkerne. Immer. Sie liebte diese. Jeden Tag konnte sie auswählen was sie essen wollte. Es gab wirklich viel Verschiedenes. Neben Körnerfutter, welches sehr fein schmeckte, gab es auch eingeweichte Flocken mit Joghurt. In einer anderen Schale war das Körnerfutter mit feinen Kräutern als Weichfutter, nass. Das fand sie auch so lecker. Und dann gab es Mehlwürmer. Das war das leckerste. Spaghetti und Reis, eingeweichtes Bot, Kartoffeln, Karotten. Herrlich fein. Den ganzen Sommer über gab es Wassermelone. Sie liebte Wassermelone, so fruchtig, erfrischend. Jeden Morgen und Abend verteilte die Frau so viele Mehlwürmer, dass alle genügend fanden. Alle wurden satt. Sie musste nicht kämpfen. Das wäre ihr eh schwergefallen. Sie hatte nie eine Chance. Die anderen waren immer stärker, ranghöher. Es gab sogar Fleisch. Hm, das tat so gut. Und sie erholte sich zunehmend. Wurde stärker. Ihre Muskeln bauten sich auf. Das Gelände war recht steil. Am Anfang fiel es ihr noch etwas schwer den Hügel hinauf zu laufen. Mit der Zeit war es ein Kinderspiel. Sie war richtig fit.
Es war ein richtig schönes neues Zuhause. Die Frau, die sie aufgenommen hatte, gefiel ihr. Sie liess sie in Ruhe. Gab ihr Zeit sich einzugewöhnen. Alles zu erkunden. Die Frau verbrachte viel Zeit mit ihnen. Im Stall, im Auslauf. Beobachtete sie. Sprach viel mit ihnen. Sie hatte eine ruhige, sanfte Stimme. Das gefiel ihr. Sie mochte die Frau. Sie fühlte sich zunehmend wohler in ihrer Nähe. Früher hatte sie Angst vor Menschen gehabt. Diese Frau war anders. Sie respektierte sie. Sie hatte das Gefühl, dass die Frau in sie hineinsah. In ihr Innerstes. Die Frau nahm sie als Lebewesen mit Bedürfnissen und Gefühlen war. Und versuchte diese zu erfüllen. Eine wirklich schöne Erfahrung.
Sie bekam den Namen Hedwig. Dieser Name gefiel ihr. Die Frau erklärte ihr, dass sie sie an eine Eule erinnerte. Diese war auch weiss und sehr weise. So wie sie. Das hatte ihr noch niemand gesagt, dass sie weise wäre. Sie faste immer mehr Vertrauen zu dieser Frau.
So lebte Hedwig auf Sorello, die Zeit verging und jeden Tag gab es so viel neues zu entdecken. Hedwig fühlte sich sehr wohl. Und doch, ein Wunsch schlummerte noch in ihr. Diesen Wunsch trug sie schon lange mit sich. Sie hatte in dem vergangenen Jahr so viele Eier gelegt. Alle Eier wurden weggenommen. Nie durfte sie ihr Ei behalten. Dabei war es ihr sehnlichster Wunsch ein Ei auszubrüten. Auch wenn mal ein Ei liegen geblieben wäre, aus Versehen, wäre es in dem stickigen, überfüllten Stall gar nicht möglich gewesen in Ruhe zu brüten und ein Küken in dieser Welt zu begrüssen. Aber jetzt… Jetzt war vielleicht der richtige Zeitpunkt. Alles stimmte. Hedwig beschloss es zu versuchen. Wenn nicht jetzt, wann dann. Sie hatte nichts zu verlieren.
Eines Tages hörte sie auf Eier zu legen. Die Frau wunderte sich. Da sie fast jeden Tag ein Ei gelegt hatte. Sagte aber nichts. Sie hatte Hedwig immer noch gern. Hedwig beschloss den nächsten Schritt zu wagen. Sie setzte sich auf die gelegten Eier der anderen Hühner und stand nicht mehr auf. Sie sass den ganzen Tag dort. Und auch die Nacht. Die Frau war erstaunt und fragte was denn los wäre? Hedwig vertraute darauf, dass die Frau sie verstehen würde. Auch wenn es vielleicht einige Zeit dauerte. Sie merkte, dass die Frau sich Sorgen machte. Da Hedwig, statt zu fressen und mit den anderen Hühnern draussen herum zu laufen, immer im Stall auf den Eiern war. Wie konnte sie ihren Wunsch der Frau klar machen? Sie hatte keine andere Chance als ihr immer wieder zu zeigen, dass sie unbedingt brüten wollte. Sie wollte gerne ein Ei ausbrüten. Mutter sein. Es musste ein herrliches Gefühl sein ein kleines neues Lebewesen unter sich zu spüren. Das Fiepen zu hören. Es zu wärmen, zu beschützen und all die Sachen über Futter, Sandbaden, Scharren beizubringen. Sie musste es schaffen der Frau es verständlich zu machen. Daher lief sie immer wieder, jeden Tag aufs Neue, wenn die Frau sie aus dem Stall zu den anderen brachte, in den Stall zu den Eiern zurück. Die Frau nahm ihr lange Zeit alle Eier weg auf denen sie sass. Sogar nachts nahm die Frau sie im Dunkeln aus ihrem Nest am Boden hoch auf die Sitzstange. Egal, dachte sich Hedwig. Ich schaffe das. Ich habe den Willen. Ich schaffe das. Die Frau hatte es noch nicht verstanden.
Dann kam der Tag, an dem die Frau mit vier Eiern zu Hedwig kam und ihr diese in ihr Nest legte. Hedwig jubelte innerlich. Ganz vorsichtig rollte sie ein Ei nach dem anderen unter ihren Körper. Endlich hatte sie ihre Eier, die sie nun ausbrüten konnte. Sie war so glücklich. Die Frau hatte endlich verstanden was sie wollte. Dank ihrem hartnäckigem Willen, konnte nun ihr grösster, sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen. Hedwig durfte Tag und Nacht brüten. Nur am Morgen holte die Frau sie behutsam aus ihrem Nest. Da die Frau sich um Hedwig sorgte, wollte sie sicherstellen, dass sie etwas trinkt und frisst. Anschliessend konnte sie in den Stall zu ihren Eiern zurückkehren. Sie brütete jetzt schon lange Zeit. Es war anstrengend. Den ganzen Tag dieselbe Position. Wenn sie morgens aus dem Nest geholt wurde, konnte sie manchmal kaum stehen. Alle Glieder waren steif und eingerostet.
Als Hedwig so auf ihren Eiern sass, machte sie sich Gedanken. Woher hatte die Frau diese Eier? Waren sie auch befruchtet? Sie würde es bald wissen. Und tatsächlich. Es kam der Tag, an dem sie den feinen Herzschlag aus zwei Eiern spürte. Sie fühlte neues Leben unter sich. Es war einfach grossartig dieses Gefühl. Es waren aber nur zwei Eier, bei denen sie es spürte. Was war mit den anderen beiden? Sie wartete eine Zeitlang. Spürte aber keine Lebenszeichen in den beiden anderen. Somit stiess sie diese Eier aus dem Nest. Sie musste ihre Energie sparen und den Eiern zukommen lassen, in denen ein Lebewesen heranwuchs. Sie spürte das neue Leben unter sich, konnte das langersehnte, feine Fiepen in den Eiern wahrnehmen. Sie freute sich so sehr.
Am Morgen des 4. September 2019 war es dann endlich soweit. Hedwig merkte wie das erste Ei unter ihr zerbrach. Das erste Küken machte sich auf den Weg das Ei zu verlassen. Genau in dem Moment kam die Frau in den Stall, um Hedwig hochzunehmen. Nein, das durfte nicht sein! Sie musste jetzt im Nest bleiben. Das erste Küken kam doch und brauchte ihre Wärme und Schutz. Sie durfte sie nicht aus dem Nest nehmen. Hedwig kommunizierte ganz leise mit der Frau und versuchte ihr, in ihrer Sprache zu erklären was da vor sich ging. Sie wurde gerade Mutter. Die Frau verstand sie tatsächlich. Sie schob ihr Ohr ganz dicht zu ihr hin und sagte das sie ein Fiepen höre. Die Frau war total begeistert und genauso erfreut wie sie. Die Frau schob die Hand etwas unter ihren Bauch und sah dann das erste Küken, welches schon halb aus dem Ei geschlüpft war. Hedwig war so erleichtert. Die Frau hatte verstanden. Sie musste nicht aufstehen. Sie konnte ihr Mutterglück geniessen. Und nicht nur sie. Auch die Frau war total ausser sich. Freute sich mit Hedwig.
Dann ging sie weg und kam erst am Abend wieder. In dieser Zeit war auch das zweite Küken aus dem Ei geschlüpft. Beide kleinen Lebewesen genossen die Wärme und den Schutz unter ihrem Bauch. Es war ein wohliges, überwältigendes Gefühl. Sie war so stolz. Ihr sehnlichster Wunsch war in Erfüllung gegangen. Ein unbeschreibliches Gefühl. Hedwig schwebte im siebten Himmel.

Von Monika Schröder-Brak, Oktober 2019
